Warenwirtschaft im Supermarkt und Warenhaus

Warenbestände müssen detailliert erfasst werden

Viel Arbeit an der Kasse

Zwanzig Dosen Katzenfutter hat Kathrin Kütemeyer in ihrem Einkaufswagen: Alles die gleiche Marke, aber unterschiedliche Geschmacksrichtungen, schließlich wollen ihre beiden Katzen Tweety und Lisa beim Futter etwas Abwechslung. Alle 20 Dosen muss sie auf das Transportband an der Kasse legen. So aufwendig es für die Kunden auch ist: Nur eine Dose erfassen und zwanzigmal berechnen – das ist heute nicht mehr möglich.

Jede einzelne Dose muss Kassiererin Irene Kokott an ihrer Scannerkasse erfassen, denn das computergestützte Warenwirtschaftssystem des Novo-Warenhauses in Ratingen verlangt detaillierte Auskunft über die Verkäufe. „Manche Kunden ärgern sich über den zusätzlichen Aufwand, jede Dose auf das Band legen zu müssen“, erzählt Kokott. Aber auch für sie an der Kasse bedeutet das zusätzliche Arbeit.

erfassngEin Strichcode auf der Ware – aufgedruckt oder als Aufkleber – wird erfasst, wenn die Kassiererin die Dose über den Scanner zieht. Der Code steht für eine 13-stellige Europäische Artikelnummer (EAN), die jedes in Europa hergestellte Produkt identifiziert. Auf diesem Code basieren auch die Warenwirtschaftsysteme von größeren Supermärkten und Warenhäusern – überall dort, wo die Preise mit Scannerkassen erfasst werden. Jeder ausgehende Artikel muss am Scanner registriert werden. Statt einer Dose von 450 Gramm schiebt Kokott nun knappe neun Kilo über den Scanner: Das ist Schwerstarbeit! „Das merke ich abends in den Schultern“, sagt sie. Im Laufe ihrer Schicht hebt sie mitunter Hunderte von Kilogramm an Waren über den Scanner. Die sperrigen und schweren Güter, die nicht aufs Transportband passen, erfasst sie mit einen Handscanner.

Dieses Erfassungssystem erleichtert den Verkäufern in den Abteilungen die Nachbestellung ihrer Waren. Der Computer, über den das Warenwirtschaftssystem läuft, weiß jederzeit, welche Waren in welcher Menge im Geschäft oder auf Lager stehen. Angeschlossen an das Computernetz sind die Kassen, die Waagen an der Fleisch- und Käsetheke, wo angelieferte Kiloware grammweise abgewogen und ausgegeben wird, sowie die Computer im Lager, wo Ulrike Brock und Rosemarie Krause die gerade angelieferten Waren erfassen.

Verlassen Waren an der Kasse das Warenhaus, bucht der Computer sie automatisch von den gespeicherten Beständen runter. Einmal in der Woche druckt er dann die Bestellmeldebestände auf sogenannten Dispositionslisten aus, die Auskunft darüber geben, welche Warenbestände unter bestimmte Grenzen gefallen sind und neu bestellt werden müssen.

Die Außendienst-Mitarbeiter der Hersteller und Lieferanten besprechen dann anhand dieser Listen mit den Novo-Verkäufern aus den jeweiligen Abteilungen, welche Mengen sie neu bestellen wollen. Das kann mehr oder weniger als die vom Computer empfohlene Menge sein, denn da spielen natürlich subjektive Faktoren hinein, die kein Computer nachvollziehen kann, wie zum Beispiel eine Werbekampagne des Herstellers, von der der Verkäufer weiß, dass sie beim Verbraucher sehr gut angekommen ist. Auch bestimmte Wettervorhersagen für die kommende Woche können vor allem im Lebensmittelsortiment für Absatzhochs oder –flauten sorgen.

Aus der Dispo-Liste wird nun eine konkrete Bestellung, die der Vertreter an den Hersteller weitergibt. Im Novo-Warenhaus selber wird die korrigierte Dispo-Liste als Bestellung im Computer abgelegt und dann bei Anlieferung gleich als Bestand gebucht. Und wenn der Kunde die Waren aus dem Supermarkt trägt, wird mit der Registrierung an der Kasse erneut der Kreislauf von neuer Bestellung und Lieferung in Gang gesetzt, von der der Kunde nur mitkriegt, dass bei seinem nächsten Einkauf die Waren wieder im Regal stehen.

dose

In allen großen Supermärkten, Verbrauchermärkten oder SB-Warenhäusern läuft die Warenwirtschaft mittlerweile über ein solches Computersystem. Das erspart dem Handel Zeit und Geld, denn die Gewinnspanne der Händler ist nicht sonderlich hoch. Leere Verkaufsregale sind für ein Warenhaus genauso schlecht wie überfüllte Lager, weil mehr bestellt wurde als verkauft wird. Das Lager dient bei Novo nur als Zwischenlager, bis die Waren – meistens morgens – in die Verkaufsregale gepackt werden kann. „Am liebsten hätte ich hier gar kein Lager“, meinte Novo-Verwaltungsleiter Udo Böer. Will heißen: Möglichst nahtlos soll die Ware von der Anlieferung in den Verkaufsraum, denn Standzeiten im Lager kosten Geld. Aber ganz ohne Lagerzeiten geht es auch mit der ausgefeiltesten Logistik nicht, denn während der Öffnungszeiten muss der Kunde an die Verkaufsregale und die Waren heran kommen. Da ist ein Auffüllen nur bei leer gekauften Regalen möglich.

Der Kreislauf, der beim Einkauf mit dem Erfassen der verkauften Waren an der Kasse in Gang kommt, schließt sich, wenn die Verkäufer die neu gelieferten Waren in die Regale räumen, damit für Tweety und Lisa auch beim nächsten Einkauf die gewünschte Geschmacksvielfalt an Katzenfutter zu haben ist.


© Dezember 1999 Petra Grünendahl
etwas gekürzt veröffentlicht im Kurier am Sonntag, Bremen, 13. Februar 2000

pet 2014

Dieser Beitrag wurde unter Referenzen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.